Priska in der Sonntagszeitung
| Von priskagruetter @ 15:57 | [ nationale Politik ] |

Eine, die hinsteht
Für Priska Grütter ist der Dienst fürs Vaterland eine Selbstverständlichkeit -
obwohl sie Jungsozialistin ist und am liebsten auf die Armee verzichten würde
Von Chris Winteler
Leutnant Grütter steht zur Schweizer Armee. Leistet mit Hingabe Dienst am Land. Steigt mit Freude ins Tenü Grün. Im Juli wars wieder so weit: Offizier Grütter rückte in den zweiten WK ein - als Chef eines Bunkers und Zugführer von rund 40 Soldaten.
Offizier Grütter, der Chef - eine zarte Frau, 21 Jahre alt, aus Roggwil BE. Absolviert gerade ein Praktikum in einem Kinderheim, will später an der Fachhochschule Sozialpädagogik studieren. Politisch sehr engagiert, als Präsidentin der JungsozialistInnen Oberaargau. Was nur treibt diese junge Frau an, freiwillig Militärdienst zu leisten?
Priska Grütter wuchs in einer sozial engagierten Familie auf, die Eltern führen ein Jugendheim. Der Vater war Major. Einmal, als kleines Mädchen, hat sie ihn im Militär besuchen dürfen. Wie er da in seiner schicken Uniform vor einer ganzen Kompanie stand und Befehle erteilte - ganz schön beeindruckend sei das gewesen.
Später fand sie: «Was die Männer können, kann ich auch.» Und meldete sich nach der Matur bei der Armee. Einzig die fehlenden Muskeln bereiteten ihr Sorgen. So deponierte sie bei der Aushebung, dass sie «lieber etwas mit dem Kopf machen würde». Sie landete bei der Luftwaffe, Lehrverband Führungsunterstützung, Abteilung elektronische Kriegsführung. Und was genau macht sie da? Sie stutzt, wir betreten sensibles Terrain. Sagt schliesslich: «Es geht um Luftüberwachung mit elektronischen Geräten.»
Für ihren Fernsehauftritt bekam sie Lob von allen Seiten
Priska Grütter bezeichnet sich als eine «kritische Angehörige der Armee». Keine, die das Hirn ausschaltet und nur mitmarschiert. Eine, die sagt, was sie denkt. So sass sie Anfang Monat im «Club» auf SF 1, Thema «Von Freunden umzingelt - Wozu braucht es die Armee?», und diskutierte mit gestandenen Männern über den Sinn des Militärs. Für diesen Auftritt hat sie viel Lob bekommen, vom Kommandanten bis zum einfachen Soldaten: «Gut, dass endlich mal jemand sagt, was auf Truppenebene schiefläuft.»
Was läuft denn schief? «Die Logistik funktioniert schlecht.» Was wohl eine Folge des Personalabbaus sei. So haben ihre Leute beim letzten WK den Bunker nicht korrekt sichern können: Absperrgitter haben gefehlt, Schutzwesten ebenso. Fahrzeuge seien schlecht gewartet gewesen, «Bremsflüssigkeit ist ausgelaufen, immer wieder gabs Pannen».
Braucht die Schweiz überhaupt eine Armee? «Eigentlich», so findet sie, «wäre es ein starkes Symbol, wenn wir keine Armee bräuchten, wenn wir Konflikte auf anderer Ebene lösen könnten.» Aber eine Abschaffung der Armee von heute auf morgen zu fordern, sei «schlicht unrealistisch». Auf die Artillerie hingegen könnte man verzichten: «Wozu brauchts die Panzer bei der heutigen Gefahrenlage?» - Welchem Feind stehen wir denn heute gegenüber? «Terrorismus, Naturkatastrophen und die Konflikte im Osten sind nicht zu unterschätzen», antwortet Grütter. Im Übrigen spreche man nicht mehr vom «Feind», sondern vom «Gegner».
Wie schafft es eine kritische Person, während der militärischen Ausbildung monatelang Befehle zu befolgen, deren Sinn sie nicht immer sieht? «Ich hatte ein Ziel vor Augen, wollte Offizier werden.» Schwierig sei die Offiziersschule gewesen: 14 Männer und sie, die SP-Frau, eine Linke. Die ständigen rassistischen Sprüche haben sie gestört, manchmal schockiert. Was für Sprüche? «Gegen Ausländer halt. Was die alles verbrechen und was man mit ihnen machen sollte.»
Wie hätte sie reagiert, falls Roland Nef trotz Stalking-Vorwürfen weiterhin Armeechef geblieben wäre? Damit hätte sie sehr Mühe gehabt: «Denn hier gehts nicht um eine Privatsache, sondern um ein Offizialdelikt.» Das hätte sie auch öffentlich gesagt. Nicht wegschauen, hinstehen, die Meinung sagen - so war Priska Grütter immer schon. 2005, mit 18 Jahren, empörte sie sich darüber, dass an der Mai-Tanne in Roggwil keine Schilder mit ausländisch klingenden Mädchennamen hingen. Zusammen mit einer Kollegin hängte sie Schilder mit Namen wie Florentina, Hadzere oder Shiela an den Baum. Die Aktion sorgte im Dorf für Aufruhr. Und sie brachte den zwei jungen Frauen eine Nomination für den Prix Courage des «Beobachters» ein.
Priska Grütter trägt gerne Tenü Grün - egal, ob Kämpfer oder Ausgehuniform. Beim Jupe durfte sie zwischen drei Längen wählen: unter Knie, bis Knie, über Knie. Sie hat den kürzesten gewählt. Und, gefällts dem Freund? «Uhh», stöhnt sie. Schwieriges Thema. «Reto ist absolut kein Armee-Fan.» Reto Müller, 29, SP-Mitglied und Stadtratspräsident von Langenthal. Von Beruf Lehrer - und gewöhnlicher Soldat. Gerne würde sie mit ihm zusammen an den Offiziersball, noch aber klemmt er.
Viele Parteigenossen haben Mühe mit ihrem Einsatz
Auf der politischen Ebene aber sind sie sich meist einig. «Chancengleichheit für alle», das ist Grütters wichtigstes Anliegen bei den Jungsozialisten Oberaargau, die innerhalb der Juso Schweiz als «liberale Aussenseiter, blassrosa, statt knallrot» gelten. Gleiche Rechte, aber auch gleiche Pflichten. So will sie eine Dienstpflicht für alle einführen - Dienst am Land für jede Frau, ob im Zivilschutz, Gesundheitswesen oder im sozialen Bereich. Eine Idee, die in ihrer Partei, welche die Abschaffung der Armee fordert, schlecht ankommt. Überhaupt haben ihre Parteigenossen, darunter viele GSoA-Mitglieder, grosse Mühe mit ihrem Einsatz fürs Militär. Priska Grütter deswegen aus der Partei auszuschliessen, war jedoch nie ein Thema: «So geht man bei den Jusos nicht miteinander um», sagt sie.


